Montag, 12. Mai 2014

Nach Biss-Attacke am Seehasenfest: Der lange Weg zum neuen Ohr

Friedrichshafen (kf) Tatort Seehasenfest: Im Zuge eines Streits wurde einem jungen Mann im Sommer 2012 von seinem Widersacher das linke Ohr brutal abgebissen. Jetzt, ein halbes Dutzend Operationen später, ist die Ohrmuschel wieder reproduziert – dank der Möglichkeiten der Plastischen Chirurgie am Klinikum Friedrichshafen.
Genau nach Plan: Die Rekonstruktion der abgetrennten Ohrmuschel durch Dr. Michael Ruggaber, Leiter der Sektion für Plastische-, Ästhetische- und Handchirurgie am Klinikum Friedrichshafen.
Fast zwei Jahre nach der Biss-Attacke: Das linke Ohr des Opfers nimmt wieder Form an.

Es war eine Tat, die an die berühmt-berüchtigte Attacke des Ex-Boxers Mike Tyson erinnerte, als dieser 1997 seinem Gegner ein Teil des Ohres abgebissen hatte. Doch in Friedrichshafen passierte das Ganze nicht im Boxring, sondern auf offener Straße. In einer Julinacht des Jahres 2012 kam es während des Seehasenfestes zum folgenschweren Aufeinandertreffen zweier Besuchergruppen. Es begann mit Provokationen, Handgreiflichkeiten folgten, ehe das schier Unfassbare geschah: Der inzwischen verurteilte Täter, Teil eines gewalttätig gewordenen Trios, biss seinem Kontrahenten die komplette linke Ohrmuschel ab und spuckte sie anschließend auf den Boden. Als "unvorstellbar brutal", sollte der Richter am Tettnanger Landgericht später die Tat bezeichnen, die das damals 21-jährige Opfer psychisch traumatisierte und körperlich entstellte. Lediglich ein Teil des Ohrläppchens verblieb am Kopf.

Möglichkeiten der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie am Klinikum Friedrichshafen

Polizei und Krankenwagen waren seinerzeit schnell vor Ort. In der Notaufnahme des Klinikums Friedrichshafen wurde der Schwerverletzte versorgt. Dort wurden auch bereits in der Tatnacht die Weichen für den gewünschten Wiederaufbau des abgetrennten Ohres gestellt. Dazu war es zunächst einmal wichtig, den Knorpel zu erhalten. Also wurde das 'Knorpelgerüst' des amputierten Ohres in den linken Oberarm des Patienten eingenäht. Direkt unter die Haut. "Das ist eine legitime Möglichkeit, einen wichtigen Teil des Ohres für eine spätere Rekonstruktion der Ohrmuschel quasi aufzubewahren", erklärt  Dr. Michael Ruggaber, Leiter der Sektion für Plastische-, Ästhetische- und Handchirurgie am Klinikum Friedrichshafen, diese für den Laien ungewöhnlich klingende Maßnahme. Denn ein künstliches Ohr, eine sogenannte Epithese, kam für Patient und Arzt in diesem Fall zu keiner Zeit in Frage.

Dieser erste Eingriff war jedoch nur der Anfang einer langwierigen und aufwändigen Behandlung, die dem jungen Mann viel Durchhaltevermögen und Geduld abverlangte. In einem weiteren Schritt wurde zunächst die Haut am Kopf mit einem Ballon ("Expander") vorgedehnt. Später wurde das aufbewahrte - in Medizinersprache "gebankte" - Knorpelgerüst aus dem Oberarm entfernt, mit Knorpelmaterial aus der Rippe vervollständigt und wieder an die ursprüngliche Position am Kopf unter die Haut eingebracht. Insgesamt musste das Biss-Opfer in den vergangenen fast zwei Jahren bereits sechsmal bei Dr. Ruggaber unters Messer. Vier der Operationen erfolgten unter Vollnarkose. Die Eingriffe wurden jeweils präzise geplant, meist mit Hilfe retuschierter Fotos oder Zeichnungen. Und das sieht man am Ergebnis: Das Ohr hat wieder seine weitgehend ursprüngliche Form. Genau so soll es ja auch sein, betont der Häfler Mediziner: "Natürlich sollte das neue Ohr eine möglichst hohe Ähnlichkeit zum unversehrten Ohr der Gegenseite aufweisen."

Und wie geht es jetzt weiter?

"Wir werden die nächsten Monate die Schrumpfung der Haut über dem Ohrknorpel abwarten, um zu entscheiden, ob noch weitere Korrektureingriffe notwendig sind", so Dr. Michael Ruggaber. Dann wäre das Ohr des Patienten endlich wieder hergestellt. Wann und ob aber die psychischen Narben verheilen, das steht auf einem anderen Blatt.

 

Weitere Infos zur Sektion Plastische-, Ästhetische- und Handchirurgie am Klinikum Friedrichshafen.

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