Sonntag, 22. April 2012

Geschäftsführer des Klinikums Friedrichshafen spricht sich gegen Privatisierung aus

(Beitrag aus der Schwäbischen Zeitung Biberach, 22.04.2012)

„Privater macht es nicht per se besser“

Johannes Weindel schaltet sich in die Debatte um die Krankenhäuser im Kreis Biberach ein: Der Geschäftsführer des Klinikums Friedrichshafen plädiert dafür, dass die Kliniken Landkreis Biberach GmbH mit seinem Krankenhaus zusammenarbeiten sollten – und in öffentlichem Eigentum bleiben. SZ-Redakteurin Constanze Kretzschmar hat ihn gefragt, warum.

Sie haben in kommunalen, kirchlichen und privaten Krankenhäusern gearbeitet. Was unterscheidet sie?

In privaten und gemeinnützigen Krankenhäusern ist die Ökonomisierung der Medizin stärker ausgeprägt. Mediziner stehen unter mehr wirtschaftlichen Druck.

Was heißt das?

Private Träger suchen gezielt nach Patienten, mit denen hohe Erlöse erzielt werden können, man nennt sie auch "Rosinenpicker". Und die Behandlung wird durchaus auch nach Erlösen optimiert.


Müssten das öffentliche Krankenhäuser auch tun?

Nein. Wir nehmen diesbezüglich keinen Einfluss auf unsere Ärzte. Es besteht ärztliche Therapiefreiheit: Was für den Patienten das Richtige ist, wird getan. Öffentliche Krankenhäuser haben eine andere Aufgabe: die Daseinsvorsorge für die Bürger. Sie müssen zum Beispiel die Notfallbereitschaft und die Aufnahmebereitschaft anbieten. Diese Aufgabe können öffentliche Träger an einen privaten Träger abgeben. Aber wenn der nicht mehr in der Lage ist, müssen sie wieder einspringen. Die Frage ist doch: Warum soll ein privater Träger etwas können, was ein kommunaler nicht kann?

 
Hier im Kreis versprechen sich einige viel von einer Privatisierung.

Wir beobachten zum Teil eine Flucht öffentlicher Träger in die Privatisierung. Aber: Ein Privater macht es nicht per se besser. Wer die Verantwortung abgibt, gibt auch die Möglichkeiten ab, zu gestalten.

 
Der Kreis will mit einer Sperrminorität beteiligt bleiben.

Darüber darf man sich keine Illusionen machen. Wenn ein privater Träger einsteigt, will er gestalten. Dann trifft er die wichtigen Entscheidungen. Wer bezahlt, bestimmt.

Was können Private besser?

Private Träger haben den Vorteil, dass sie durch eine Konzernstruktur vieles günstiger leisten können, sie teilen die Personalabteilung, machen gemeinsam den Einkauf, Verwaltung etc. Das können sie aber nicht besser, das können kommunale Träger auch – dazu müssen sie öffentliche Ketten bilden.


Würden Sie mit Biberach zusammenarbeiten?

Ja, natürlich.


Ließen sich die Biberacher Probleme durch eine öffentliche Kette lösen?

Die Probleme haben sicher viele Ursachen. Ich kenne sie nur aus der Presse, es wäre unseriös, sich dazu zu äußern. Aber: Man muss unter anderem den Bürgern ein gutes medizinisches Angebot unterbreiten. Das lässt sich durch eine Zusammenarbeit öffentlicher Träger bewerkstelligen. Wir haben zum Beispiel den Da-Vinci-OP-Roboter hier, hochmoderne Technik. Wenn er drei Tage in Friedrichshafen gebraucht wird, könnte man ihn auch zu anderen Zeiten in Biberach nutzen. Auch bei bildgebenden Diagnoseverfahren könnten wir zusammenarbeiten.


Was für ein Ergebnis hat Friedrichshafen 2011 erwirtschaftet?

Genau das kann ich noch nicht sagen, die Wirtschaftsprüfer sind noch da. Aber wir werden wie in den vergangenen Jahren ein Ergebnis im schwarzen Bereich haben. Wobei auch bei uns die Erlöse durch die Unterfinanzierung im Gesundheitswesen zurückgehen.


Kritiker sagen, dass das Defizit in Biberach auch auf das Versagen von Geschäftsführung und Aufsichtsrat zurückzuführen ist. Was glauben Sie?

Dazu kenne ich das Geschehen in Biberach nicht. Klar ist, dass Geschäftsführer und Aufsichtsrat in einer GmbH verantwortlich sind und nach GmbH-Gesetz haften.

 
Im Biberacher Aufsichtsrat sitzen Kreisräte. Sie sind keine Fachleute für Krankenhaus-Management. Ist das ein Problem?

Nein. Der Aufsichtsrat ist kein operatives Gremium. Er berät, fördert, überwacht. Aufsichtsräte müssen keine Fachleute sein, um ein Unternehmen nach vorne zu bringen. In Biberach hat das jahrzehntelang gut funktioniert. Biberach war ein Juwel in Baden-Württemberg, was die Krankenhausversorgung angeht.


Glauben Sie, die aktuelle Diskussion schadet den Kliniken?

Das ist wahrscheinlich. Ich kann denjenigen, die für ihre Krankenhäuser kämpfen, nur sagen: Bitte geht im Krankheitsfall auch in eure Krankenhäuser! Oft ist es doch so, wenn einer ernsthaft erkrankt ist, fährt er zu weit entfernten Spezialisten. Dass sich kleine lokale Krankenhäuser dann nicht tragen, ist klar. Deswegen müssen wir als öffentliche Träger unsere Kompetenzen bündeln, um eine attraktive Versorgung anzubieten.


Zur Person: Johannes Weindel leitet die Klinikum Friedrichshafen GmbH. Er hat bis 1999 für 14 Jahre lang in der Organisation des Krankenhauses Biberach gearbeitet. Außerdem arbeitete er in privaten und gemeinnützigen Krankenhäusern. Das Klinikum in Friedrichshafen ist ein öffentliches Krankenhaus. Anders als die Kliniken im Kreis Biberach hat es nur ein Haupthaus und nicht drei Standorte.

(Erschienen: 22.04.2012 in der Schwäbischen Zeitung Biberach)

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